Buddhismus
20 weit verbreitete Missverständnisse
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Francesco Ficicchia – NAVAYÂNA - BUDDHISMUS FÜR DIE WESTLICHE WELT
Das Interesse am Buddhismus ist groß und das Literaturangebot über diese fernöstliche Lehre ausgesprochen umfangreich. Dennoch sind vertiefte Kenntnisse über den Buddhismus nicht weitverbreitet und wird bestehendes Wissen oft überlagert von Fehlinterpretationen und Missverständnissen. Dabei muss gesehen werden, dass zu deren Verbreitung mitunter selbst buddhistische Gelehrte und Autoren beitragen, indem diese sich allzu unbefangen einer Terminologie bedienen, die christlich-abendländischen Denkvoraussetzungen zugrunde liegt und daher den buddhistischen Sinngehalt nicht immer korrekt wiedergibt.
Nachfolgend soll versucht werden, einige Missverständnisse zu erhellen und aus ihrer verfremdenden westlichen Wahrnehmung herauszulösen.
Buddhisten
glauben an Buddha
So wie Christen an Jesus, den Erlöser und Sohn Gottes, glauben, so glauben
offenbar auch Buddhisten an Buddha, den Begründer der nach ihm benannten
Heilslehre. Diese auf dem christlichen Glaubensverständnis basierende Auffassung
ist jedoch falsch. Buddha forderte keinen Glauben, sondern Einsicht und
Erkenntnis. Folgerichtig hat Buddha auch den Glauben an seine Person oder Lehre
verworfen. Nicht das, woran man glaubt, sondern das, was man durch eigenes
Bemühen in sich selbst realisiert, führt zur Befreiung aus dem Dunkel der
Unwissenheit. »Glaube« hat im Buddhismus allenfalls die Bedeutung von Vertrauen
(shraddhâ) in den von Buddha gewiesenen Weg und hat seine Berechtigung allein im
Sinne einer Vorwegnahme des Gehörten, das es dann aber durch eigenes Erwägen auf
seine Richtigkeit zu überprüfen gilt. Der Buddhismus ist eine Erkenntnislehre,
keine Glaubensreligion.
Buddhisten beten
zu Buddha
Buddha genießt hohe Verehrung, die vor allem in einer reichhaltigen Ikonographie
zum Ausdruck gelangt. Richtig ist, dass der Buddhismus anfänglich eine bildlose
Religion war. Im Laufe der Jahrhunderte gewann die Buddha-Verehrung jedoch
zunehmend an Einfluss. Diese beinhaltet jedoch keine Anbetung, da Buddha kein
göttliches Wesen ist und ihm auch keine heilsvermittelnde (erlösende) Funktion
zukommt. Die Buddha-Verehrung ist ein Ausdruck der Verehrung für das
Erleuchtungsprinzip und keine Fürbitte, wenngleich in der volksreligiösen Praxis
die »Gläubigen« von Buddha auch direkte Gunst und Hilfeleistung erhoffen.
Im Buddhismus
muss man meditieren, um erlöst zu werden
Die Meditation ist nicht die allein notwendige Voraussetzung für die
Heilsgewinnung. Die meditative Verinnerlichung will lediglich Körper und Geist
beruhigen und den Weg ebnen für jene spirituelle Erfahrung, die von den Zwängen
des Daseins befreit. Im Buddhismus geht es nicht um »Erlösung« (aus Sünde und
Schuld), sondern um Einsicht, Erkenntnis und ein Sich-Loslösen aus allen an die
Welt bindenden Verhaftungen. Meditation meint Vergegenwärtigung und damit immer
auch Achtsamkeit, die es aber auch und vor allem im praktischen Alltag zu üben
gilt. Das Heil lässt sich nicht ausschließlich in meditativer Versenkung
erreichen, sondern in einer bewussten und achtsamen Haltung sich selbst und
anderen gegenüber. Eine meditative oder spirituelle Haltung sollte mithin in
allen Verrichtungen zum Tragen kommen und nicht Gegenstand einer vom
Alltagsleben losgelösten Übung darstellen. Somit kann man auch ohne meditative
Fähigkeiten den Prinzipien der Lehre nachleben und vermag die Meditation nicht
den höchsten Rang im spirituellen Wertesystem für sich zu beanspruchen.
Der Buddhismus
ist eine esoterische und mystische Religion
Esoterik meint eine nur für Eingeweihte bestimmte Lehre, zu der Außenstehende
keinen Zugang haben. Die Lehre Buddhas beinhaltet jedoch keine Geheimnisse, in
die nur ein bestimmter Kreis von Auserwählten Einblick erhält. Der Buddhismus
ist exoterisch, für alle bestimmt und allen verständlich. Wenn einige Schulen
des Buddhismus (vor allem des Vajrayâna) esoterische Lehren und Praktiken
aufweisen, so gehört das nicht zum Gesamtgut aller Buddhisten. Der Buddhismus
ist auch keine mystische Religion, in der es gilt, eine persönliche Verbindung
mit dem Göttlichen oder einer überseienden Sphäre herzustellen. Der Buddhismus
ist gottfrei, also kann es nichts geben, zu dem sich eine mystische Verbindung
herstellen ließe. Die Gleichsetzung des Buddhismus mit Esoterik und Mystik ist
das größte aller Missverständnisse, das allerdings auch aus der großen
Esoterik-Begeisterung der westlichen Welt reichlich Nahrung erhält.
Der Buddhismus
kennt viele Götter
Ist im Buddhismus von »Göttern« die Rede, so sind damit nicht der natürlichen
Gesetzmäßigkeit entbundene himmlische Wesen gemeint. Göttliche Existenz – sofern
man sie überhaupt gelten lassen will – ist eine aufgrund positiven Karmas
erzeugte Existenzweise und wie jede Existenzform weder absolut noch ewig. Auch
Götter müssen, nachdem sie ihr gutes Karma abgetragen haben, dereinst wieder aus
ihrer Daseinsform abtreten; sie sind wie alle Existenzweisen dem Samsâra
zugehörig und in den Kreislauf der Wiedergeburten eingebunden. Auf den Menschen
haben Götter keinerlei Einfluss und ihre Anrufung wäre deshalb sinnlos. Der
Buddhismus kennt keine absolut erhabene Gottheit und ist demnach eine
atheistische Religion. Und auch die im Mahâyâna gelehrte Transzendenz des
Buddha-Prinzips (Trikâya-Lehre) lässt sich mit keiner göttlichen Konzeption in
Zusammenhang bringen. Die doketische Buddha-Interpretation impliziert keine
Göttlichkeit Buddhas und seiner im Sinne der Emanation gedachten Aspekte
meditativer Erfahrung. Der Buddhismus ist gottfrei, mögen auf der Ebene
möglicher Existenzformen auch noch so viele Wesen ein »göttliches« Dasein
beanspruchen.
Der Dalai Lama
ist ein Gottkönig
Der Dalai Lama ist das Oberhaupt der Gelugpa-Schule des tibetischen Buddhismus
und zugleich das weltliche Oberhaupt Tibets. Er gilt als eine Reinkarnation des
transzendenten Bodhisattva Avalokiteshvara. Damit ist er in der geistlichen
Hierarchie dem Pantschen Lama sogar nachgeordnet, der als eine Emanation des
transzendenten Buddha Amitâbha verehrt wird. Der Bodhisattva Avalokiteshavara
ist kein Gott und folglich ist der Dalai Lama auch kein »Gottkönig«. Der Dalai
Lama ist auch kein buddhistischer »Papst«; er ist nicht einmal das geistliche
Oberhaupt aller tibetischen Buddhisten, sondern nur der vorerwähnten Gelugpa-Schule.
Der Buddhismus
lehrt, dass alles nur Leiden sei
Diese Aussage ist an sich richtig, kann dennoch aber zu falschen Annahmen
verleiten. In buddhistischer Sicht ist die Welt insofern gleichbedeutend mit
»Leiden«, als sie vergänglich ist. Leiden = Vergänglichkeit ist die
Grundkonstante allen Daseins. Somit wird auch das Leben als leidvoll
beschrieben, doch ist mit dieser Feststellung keine Verneinung des Lebens
gemeint, das ja auch mit vielen angenehmen Seiten verbunden ist. Leiden ist auch
keine Prüfung, Heimsuchung oder Strafe Gottes. Es ist ein Ausdruck für die
Impermanenz aller Existenz, doch immer nur insoweit, als wir uns an ephemere
(vergängliche) Dinge und Zustände binden. Für den, der sich aus allen
leidvollen Verhaftungen zu befreien vermag, besteht kein Leiden mehr. Leiden ist
demnach ein relativer Ausdruck für die ichhafte Verstrickung in die Daseinswelt,
für den nicht befreiten, von Illusionen geblendeten Geist.
Die Lehre vom
Leiden ist pessimistisch
Im Buddhismus meint »Leiden« kein Elendsdasein, keinen Weltschmerz, keine
abgrundtiefe Tristesse. Leiden ist ein Ausdruck für die Grundbefindlichkeit
aller Daseinsphänomene und damit mehr als nur physische und mentale Drangsal.
Leiden ist ein Tatbestand, ein Naturgesetz gewissermaßen. Der Ausdruck »Leiden«
meint keinen Pessimismus und keine Verneinung auch angenehmer und freudvoller
Zustände. Leiden erwächst aus dem Begehren; es ist die trügerische,
unreflektierte und zumeist auch achtlose Haltung gegenüber dem Dasein, die
zwangsläufig zu leidvollen Erfahrungen führt.
Die Lehre vom
Karma ist fatalistisch
Fatalismus meint die völlige Ergebenheit in die als unabänderlich hingenommene
Macht des Schicksals. In dem (falschen) Glauben, dass das Karma unser Schicksal
bestimmt, ist eine fatalistische Grundhaltung demnach mitenthalten. Für den
Buddhisten ist Karma jedoch nicht Schicksal, also keine Vorherbestimmung, auf
die wir keinen Einfluss haben. Der Buddhismus lehrt keine schicksalhafte Fügung,
keine vorausbestimmte und unveränderliche Prägung, sondern Wirkungen, die sich
allein aus unserem Tun und Lassen automatisch ergeben. Für die positiven oder
negativen karmischen Folgen seines Handelns ist jeder selbst verantwortlich,
womit jede fatalistische Unterstellung entfällt.
Karma ist eine
Strafe für schlechtes Handeln in einem früheren Leben
Karma bedeutet Tat oder Handeln, gleichzeitig aber auch die aus einer Tat oder
Handlung sich ergebende Folgewirkung (Gesetz von Ursache und Wirkung). Jedes
positive oder negative Tun führt somit aufgrund der bedingenden Verursachung
zwangsläufig zu ebensolchen Ergebnissen. Das Motiv von Lohn und Strafe fällt
dabei außer Betracht. Die Verbrennung, die sich aus dem Anfassen eines heißen
Gegenstandes ergibt, ist auch keine Strafe, sondern die logische Folge einer
unbedachten Handlung. Karma vergilt nicht, sondern misst zu. Wir werden nicht
für diese oder jene Tat belohnt resp. bestraft, sondern durch sie konditioniert.
Im Buddhismus
kann man auch als Tier wiedergeboren werden
Die Frage, ob man auch als Tier wiedergeboren werden kann, ist selbst unter
Buddhisten umstritten, so dass hinsichtlich keine eindeutige Meinung besteht.
Grundsätzlich herrscht die Auffassung, dass man sich in jenen Daseinszuständen
verweltet, die man durch eigenes Wollen auch selbst verursacht hat - sei es als
Mensch, Tier oder Geistwesen. Jede Wiedergeburt ist das Resultat eigenen
Strebens; sie ist die natürliche Folge unseres Begehrens und damit weder
Vergeltung noch Belohnung. Auf dem Wege durch den Samsâra (Werdekreislauf)
wechseln wir immer wieder unsere Daseinszustände, weshalb es keine nur positiven
oder negativen Fährten geben kann. Im Wissen um die Verbundenheit aller karmisch
bedingten Erscheinungsformen sind Buddhisten somit aufgerufen, allen Wesen mit
Respekt, Güte und Wohlwollen zu begegnen. So kann die Vorstellung von einer
möglichen außermenschlichen Wiedergeburt vielleicht auch dazu verhelfen,
generell allen Wesen und allem Daseinenden mehr Achtung und Mitgefühl zu
erweisen.
Für Buddhisten
ist der Tod kein Anlass zur Trauer
Die Meinung, dass der Tod im Blick auf eine bevorstehende Wiedergeburt keinen
Anlass zur Trauer bietet, ist ein weitverbreitetes Missverständnis. Genauso
müssten auch Christen nicht traurig gestimmt sein, da auch ihnen eine
Wiedergeburt (!) in Form der Auferstehung von den Toten am Ende der Zeiten
(Jüngstes Gericht) verheißen ist. Tatsache ist, dass Buddhisten unter dem
Verlust eines geliebten Menschen ebenso leiden wie alle Menschen auf dieser
Welt. Dennoch sehen sie im Tod nicht jene Zäsur, die alles Leben zunichte macht
und ist es richtig, dass die Vorstellung von der ständigen Wiederkehr eine
gelassenere Einstellung auch gegenüber dem Tod ermöglicht. Im Buddhismus sind
Leben und Tod nicht einmalige und zugleich entgegengesetzte Vorgänge, sondern
sich ständig wiederholende Etappen auf dem langen Weg durch den Samsâra. Dadurch
verliert der Tod weitgehend an Schrecken und ist er nicht jenes unheilvolle
Ereignis, das allem Dasein ein unwiederbringliches Ende bereitet.
Der Buddhismus
lehrt die Seelenwanderung
Gemeinhin werden die Worte Wiedergeburt (Reinkarnation) und Seelenwanderung als
synonyme Begriffe aufgefasst. Da der Buddhismus aber keine Seele kennt,
unterstellt er auch kein seelisches Prinzip, das von der einen auf die andere
Existenz überwechselt. Hier nun stellt sich die Frage, was denn wiedergeboren
werden soll, wenn es kein das irdische Dasein überdauerndes Etwas gibt, das
fähig wäre, sich von dieser in jene Form zu begeben? Wiedergeburt im Buddhismus
bedeutet (im Unterschied zur hinduistischen Seelenwanderung) keine substanzielle
Transmigration, kein Übergehen einer Seeleneinheit von der Person A auf die
Person B. Der Begriff der »Wiedergeburt« ist im Grunde falsch, denn wir werden
nicht als gleiche Seinseinheit wieder geboren – weder physisch noch mental.
Wiedergeburt im Buddhismus meint keine Wiederholung und kein Neuwerden, sondern
eine den physischen Tod überdauernde Kontinuität bestehender psychischer
Prozesse. Sie umschreibt die Reaktualisierung von noch nicht zum Versiegen
gelangten geistigen Kräften oder energetischen Potenzen, die solange wirksam
bleiben, als nach Verwirklichung drängende Energien (= Trieb nach Sein und
Haben) vorhanden sind. Ist im Erlöschen aller Triebe nichts mehr vorhanden,
woran sich das eigene Ich noch entzünden könnte, dann drängt sich ein Verbleib
im Daseinskreislauf (samsâra), also ein »Wiedergeborenwerden« (Reaktualisierung),
nicht mehr auf. Erreicht ist der Zustand des Nirvâna, das Verlöschen aller
anhaftenden Begierden und Bindungen an die leidvolle Daseinswelt, womit der
ständige Drang nach Aktualisierung des eigenen Ichs und damit alle leidvollen
Erfahrungen einen Abschluss finden.
Für die
spirituelle Entwicklung ist man auf die Hilfe eines Guru angewiesen
Guru ist die Sanskrit-Bezeichnung für den spirituellen Meister oder Lehrer, der
uns vor allem in den tantrischen (esoterischen) Richtungen des Buddhismus, aber
auch im Zen (hier Rôshi genannt) begegnet. In den genannten Strömungen vollzieht
sich die spirituelle Schulung zumeist in der Form eines engeren
Lehrer-Schüler-Verhältnisses. Generell besteht jedoch die Auffassung, dass auf
dem spirituellen Weg ein Guru nicht wirklich notwendig ist. Der Buddhismus ist
in erster Linie eine Selbsterlösungslehre, weshalb keine Unterstellung unter
besonders qualifizierte Meister gefordert ist. Diese Haltung wird selbst von
jenen Schulen vertreten, die sich auf eine Guru-Tradition abstützen. Jedes
Lehrer-Schüler-Verhältnis hat demnach auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und des
gegenseitigen Vertrauens zu beruhen und darf in kein Abhängigkeitsverhältnis
führen.
Das Nirvâna ist
ein buddhistischer Himmel
Der Buddhismus kennt kein nachtodliches Jenseits, in das der Verstorbene
eingeht. Nirvâna ist kein Himmel, keine transzendente Jenseitssphäre, kein
ewiges Sein. Nirvâna ist ein Abschluss, kein Neubeginn in einer anderen Welt.
Nirvâna heißt »Verlöschen« und meint jenen Zustand, der eintritt, wenn alle an
das Dasein fesselnden Bindungen überwunden sind. Nirvâna ist keine Örtlichkeit
ewiger Glückseligkeit, sondern ein Zustand der Zustandslosigkeit, das Ende allen
Verlangens, die Beruhigung aller Unruhe des Geistes, der Abschluss des
Wiedergeburtenkreislaufs, das Nichtverfügbare jenseits der verfügbaren Welt.
Nirvâna lässt sich demnach nicht mit einem jenseitigen Paradies gleichsetzen.
Um ins Nirvâna
einzugehen, muss man als Mönch wiedergeboren werden
Diese Meinung ist selbst unter Buddhisten verbreitet. Ihr liegt die Auffassung
zugrunde, dass das Weltleben mit all seinen Implikationen der spirituellen
Entwicklung hinderlich sei. Somit sei es nur möglich, in der völligen Loslösung
von allen an die Welt bindenden Einflüssen die höheren Stufen spiritueller
Entfaltung zu erreichen. Es steht außer Zweifel, dass ein von allen Bindungen
befreites monastisches (mönchisches) Leben hierfür günstigere Voraussetzungen
schafft. Dennoch bleibt Nirvâna etwas, das man in sich selbst realisieren muss
und ist dieses nicht einfach in einem Klosterdasein verheißen. Nirvâna bedeutet
»Verlöschen« und meint die endgültige Überwindung des leidvollen
Daseinskreislaufs (samsâra) – eine Stufe, die potentiell jedem, ob Mönch oder
Laie, offen steht. Im Übrigen ist es falsch, von einem »Eingehen« ins Nirvâna zu
sprechen. Nirvâna ist keine Örtlichkeit, in die man eingeht und in der man
verweilt. Es ist kein verfügbares Etwas, keine abgeschiedene Jenseitssphäre,
sondern ein geistiger Zustand vollkommener Erkenntnis und der Überwindung des
eigenen Ichs.
Der Buddhismus
ist eine nihilistische Lehre
Nihilsimus [von lat. nihil = nichts] ist die Anschauung von der Nichtigkeit und
Sinnlosigkeit alles Bestehenden und Seienden; sodann jene Haltung, die alle
Werte, Ideale und positiven Zielsetzungen verneint. Indem der Buddhismus die
Vorstellung von festen Substanzen zurückweist und damit allem Sein die Grundlage
entzieht, lässt sich prima facie eine Gleichsetzung von Nihilismus und
Buddhismus herstellen. Der Buddhismus kennt keinen Gott, keine Schöpfung, keine
Seele, kein Ich, kein Sein der Dinge und keine ewige Glückseligkeit. Er
anerkennt aber eine dharma genannte (gottfreie) kosmische und sich selbst
regulierende Ordnung, und der kennt ein alles bestimmendes Gesetz von Ursache
Wirkung, das er karma nennt. Trotz der Negierung alles Seins behauptet der
Buddhismus dennoch aber kein Nichtsein, denn ist das Sein nicht, dann ist auch
das Nichts als sein Gegenteil nicht. Die Dinge sind und sind nicht. Das heißt:
Die Dinge sind insofern, als sie aus bedingenden Verursachungen entstehen und in
unserem subjektiven Bewusstsein vorhanden sind. Und sie sind nicht insofern, als
ihnen als bedingt entstandenen Phänomenen kein Eigensein zukommt und sie
Eindrücke der trügerischen Wahrnehmung sind. In der Sprache des Buddhismus sind
die Dinge demnach »leer« (shûnya), d.h. ohne Substrat; sie sind wesenlos und
Ein-Bildungen (Bild = Vorstellung) unserer kreativen Phantasie. Der Buddhismus
lehrt somit keinen Nihilismus, sondern einen zwischen Bejahung und Verneinung
stehenden »mittleren Weg«. Nicht nihilistisch ist der Buddhismus auch in der
hohen Bewertung ethischer Prinzipien, in seiner Zielsetzung auf die Überwindung
leidvoller Erfahrungen und im Streben nach Vollkommenheit und höchster
Erkenntnis.
Buddhisten müssen
die Gebote Buddhas einhalten
Der Buddhismus kennt keine imperativen Verhaltensvorschriften und damit auch
keine Norm setzende Instanz. Die sittlichen Maßstäbe des Buddhismus (pañcashîla)
[Abstehen von Lebensberaubung, Abstehen von Diebstahl, Abstehen von unreinem
Lebenswandel, Abstehen von Lüge, Abstehen von sinnestrübenden Mitteln] sind
nicht Gebote, die eingehalten werden müssen, sondern Verhaltensgrundsätze, die
sich der, der sie befolgt, aus eigener Einsicht und Freiwilligkeit (= Autonomie)
zu eigen macht. Ihre Respektierung erfolgt nicht aus einem geforderten
Glaubensgehorsam, sondern aus der Überzeugung, dadurch eine heilsame
Lebensgrundlage für sich selbst und andere zu schaffen.
Buddhisten dürfen
kein Fleisch essen
Das oberste Prinzip buddhistischer Ethik besteht im Nichtschädigen von Lebewesen
(ahimsâ). Dennoch besteht kein Verbot, tierische Nahrung zu sich zu nehmen,
wenngleich die Umstellung auf vegetarische Kost der Grundhaltung des
Nichtverletzens und der Güte zu allen Wesen mehr entspricht.
Zwischen
Buddhismus und Hinduismus gibt es kaum Unterschiede
Der Buddhismus ist aus dem Vedismus/Brahmanismus, der Vorstufe zum heutigen
Hinduismus hervorgegangen (6. Jh. v.Chr.). Er steht zu diesem demnach in einem
ähnlichen Verhältnis wie das Christentum zum Judentum. Folglich bestehen
zwischen Buddhismus und Hinduismus zahlreiche Gemeinsamkeiten. Zu diesen zählen
die asketische Tradition, die Lehre von Karma und Wiedergeburt, das Prinzip des
Nichtschädigens von Lebewesen, das Postulat religiöser Toleranz und anderes
mehr. Dennoch bestehen zum Teil markante Unterschiede, die aufgrund des
gewährenden Klimas aber kaum hervorstechen und nicht Gegenstand kontroverser
Wahrheitsansprüche sind. So verfügt der Hinduismus über theistische wie auch
nichttheistische Systeme, dieweil der Buddhismus im Ganzen gottfrei ist. Auch in
den Vorstellungen vom Karma und der Wiedergeburt bestehen gewisse Abweichungen.
Lehrt der Hinduismus eine Wanderung der Seele, so geht der eine Seele
zurückweisende Buddhismus davon aus, dass die nachtodliche Wiederverkörperung
ohne Übergehen einer seelischen Substanz sich vollzieht. Die Hindus kennen eine
beamtete Priesterschaft (Brahmanen), der Buddhismus kennt eine solche nicht
[Mönche und Nonnen sind keine heilsvermittelnden Priester]. Die hinduistische
Sozialordnung ist durch das Kastensystem bestimmt, während der Buddhismus eine
soziale Zuordnung nach Kasten ablehnt. Der Hinduismus ist eine Volksreligion und
als solche nur in Indien und einigen angrenzenden Staaten verbreitet. Der
Buddhismus ist eine Universalreligion, in der sich die Zugehörigkeit nicht auf
eine bestimmte Ethnie beschränkt. Gemeinsam haben Buddhismus und Hinduismus ihre
Nichtzugehörigkeit zum Typus der prophetischen Offenbarungsreligionen (wie
Judentum, Christentum und Islam) und ihre Zurückweisung einer göttlichen und
unfehlbaren Offenbarung (Weisungen Gottes). In beiden Religionen ist das
Postulat der Toleranz deshalb weit mehr hervorgehoben als in den westlichen
Religionen. Buddhismus und Hinduismus kennen somit kein prophetisches
»Entweder-Oder«, sondern lassen in allem ein »Sowohl-als-Auch« gelten.